Die nichtexsistente „Schlangenbande“

Radio Tonkuhle entwickelt Hörspiel über NS-Vergangenheit in Hildesheim und Alfeld

HILDESHEIM/ALFELD. Am 19. Januar 1944 eilt Willi Sievers kurz nach 21 Uhr in Richtung der Fahrkartensperre. Es ist eisig kalt am Bahnhof Alfeld. Sievers, 18 Jahre alt, ist gerade von seiner Lehrstelle in Northeim mit dem Zug in seinem Heimatort angekommen, als ihn die SA in der Bahnhofshalle abpasst und verhaftet. Unter Gejohle aufgebrachter HJ- und BDM-Knirpse wird Sievers zur Polizeiwache gebracht, wo bereits ein gutes Dutzend seiner Freunde in den Zellen wartet. „Der Friseurlehrling Wilhelm Sievers wird beschuldigt, eine neue bündische Vereinigung gebildet zu haben“, heißt es in der Anklageschrift, mit dem üblichen
Hakenkreuz-Stempel versehen. Den Namen dieser Vereinigung aber, der er angeblich angehören sollte, den hat Sievers noch nie zuvor gehört: Schlangenbande. Eine Organisation, die es – zumindest in Alfeld – nie gegeben hat.

Über die wahren Gründe, warum er und seine Freunde damals von den Nazis verhaftet wurden, kann der heute 92-jährige Sievers nur spekulieren. Zum einen habe es hier und da Scharmützel zwischen dem aus einem eher SPD-treuen Elternhaus stammenden Sievers und den Alfelder HJ-Schergen gegeben, erinnert sich Sievers. Zum anderen hätten die wiederum wohl vor allem ihr eigenes Wohl im Sinn gehabt: Im verschlafenen Alfeld sorgte der Fall für Aufsehen – und habe womöglich verhindert, dass die HJ-Führer abgezogen und an die Front geschickt worden wären. Sievers Erinnerungen an die nichtexistente Alfelder „Schlangenbande“ bilden den Stoff für die Hörspielproduktion „Willi Sievers und die Schlangenbande“, die zurzeit von Radio Tonkuhle erarbeitet wird. Bis zum Jahresende soll unter Mitarbeit von Synchronsprecher Sebastian Barnstorf, Produzent Jens Volling, Regieleiter Silas Hintze [Künstlername: Silas Degen] und Dr. Thomas Muntschick von Radio Tonkuhle das rund einstündige Hörspiel entstehen, dessen Quellen auch durch mehrere Gespräche mit Willi Sievers selbst aufgetan worden sind.

Redakteur Dr. Thomas Muntschick (l.) hat die Kriegsgeschichte von Willi Sievers (r.) wiederentdeckt | Foto: Hintze

Hintze hatte bereits mit dem Tonkuhle-Hörspiel „Justus Oldekop und der Hexenwahn“ eine spannende Auseinandersetzung mit der lokalen Geschichtsaufbearbeitung produziert. Im neuen Projekt hat er noch die Möglichkeit, auf die Erinnerungen von Zeitzeugen zurückzugreifen. Genau zu diesem Zweck sind Hintze und sein Team zurzeit noch auf der Suche nach weiteren Personen, die ihre Erinnerungen an die Erlebnisse rund um die angebliche Alfelder „Schlangenbande“ für die Arbeit an der Hörspielproduktion beisteuern wollen.

◆ Der Kontakt [zum Produktionsteam] kann über
Radio Tonkuhle, Telefon 29 60 90,
oder per E-Mail an mail@tonkuhle,
hergestellt werden.

Text & Bild: Kilian Schwartz
Kehrwieder am Sonntag, 11. August 2018

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